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Leitfaden Governance

Risikomanagement im Family Office

Stand: · Leutrim Miftaraj, FLIORE · Redaktionsgrundsätze

Kurzantwort

Risikomanagement im Family Office betrachtet nicht nur Anlagen, sondern alles, was das Familienvermögen und die Familie gefährden kann: Markt- und Liquiditätsrisiken, operative und rechtliche Risiken, Cyberangriffe, Abhängigkeit von Schlüsselpersonen, Reputation und Konflikte in der Familie. Ein Risikoregister mit Bewertung, Verantwortlichen und Massnahmen, eine festgelegte Risikobereitschaft und ein regelmässiger Bericht an den Familienrat machen es wirksam.

Mehr als Anlagerisiko

Vermögensverwalter messen Volatilität und Drawdown ihrer Mandate. Das Familienvermögen ist aber mehr als die Summe der Mandate: Es umfasst ein Unternehmen, Immobilien, Kredite, Strukturen in mehreren Ländern und Menschen mit unterschiedlichen Zielen. Die grössten Verluste von Familien entstehen oft ausserhalb der Wertschriften – durch Klumpen im eigenen Unternehmen, durch Betrug, durch Streit oder durch den Ausfall einer Person, die alles wusste.

Risikokategorien

  • Markt und Liquidität: Kursverluste, Zinsen, Währungen, Liquiditätsengpässe, Klumpen.
  • Operativ: Fehler und Betrug bei Zahlungen, Datenqualität, Ausfall von Dienstleistern.
  • Rechtlich und regulatorisch: Meldepflichten, Steuern, Sorgfaltspflichten, Haftung von Organen.
  • Cyber: Kontoübernahmen, Datenabfluss, Verschlüsselung von Systemen.
  • Schlüsselpersonen: Ausfall der Leitung des Family Office oder des Prinzipals.
  • Familie und Governance: Konflikte, unklare Entscheidungswege, Nachfolge.
  • Reputation: öffentliche Berichterstattung, Sanktions- oder Rechtsfälle.

Der Prozess

  1. Risiken identifizieren – in Gesprächen mit Familie, Team und Beratern, nicht nur am Schreibtisch.
  2. Wahrscheinlichkeit und Auswirkung je Risiko bewerten, etwa auf einer Skala von 1 bis 5.
  3. Risikobereitschaft festlegen: Welche Risiken trägt die Familie bewusst, welche nicht?
  4. Massnahmen bestimmen: vermeiden, vermindern, übertragen (z. B. Versicherung) oder bewusst tragen.
  5. Verantwortliche und Termine festlegen.
  6. Regelmässig überwachen und berichten, mindestens jährlich vollständig, bei Ereignissen sofort.

Risikoregister (Beispiel)

Auszug aus einem Risikoregister (Bewertung 1–5)
RisikoWahrscheinlichkeitAuswirkungMassnahmeVerantwortlich
Zahlungsbetrug durch gefälschte Anweisung34Vier-Augen-Freigabe, Rückrufverfahren, SchulungCFO
Ausfall der Leitung des Family Office25Stellvertretung, dokumentierte Abläufe, NotfallzugängeFamilienrat
Klumpen im Familienunternehmen35Schrittweise Diversifikation, LiquiditätsreserveInvestment Committee
Verpasste Meldefrist23Compliance-Kalender mit VerantwortlichenCompliance
Konflikt zwischen Familienstämmen24Familienverfassung, Familienrat, ModerationFamilienrat

Praxisbeispiel (vereinfacht)

Ein Familienrat beauftragt das Family Office mit einem ersten Risikoregister. In Gesprächen zeigt sich: Die Hauptsorge der Familie ist nicht der Aktienmarkt, sondern die Abhängigkeit vom langjährigen Leiter des Family Office, der als Einziger alle Zugänge und Abläufe kennt. Das Register bewertet dieses Risiko mit der höchsten Auswirkung. Massnahmen: eine Stellvertretung, dokumentierte Abläufe, ein versiegelter Notfallzugang und eine zentrale Plattform statt persönlicher Ablagen. Nach einem Jahr ist das Risiko deutlich gesenkt – und der Leiter entlastet.

Berichterstattung

Ein guter Risikobericht ist kurz: die wichtigsten Risiken mit Veränderung seit dem letzten Bericht, Stand der Massnahmen, neue Risiken und Ereignisse. Eine Übersicht in Form einer Matrix aus Wahrscheinlichkeit und Auswirkung hilft dem Familienrat, Prioritäten zu setzen. Die Normen ISO 31000 und das COSO-Rahmenwerk für Enterprise Risk Management bieten eine bewährte Struktur, die sich auf die Grösse eines Family Office zuschneiden lässt.

Risikobereitschaft konkret formulieren

Eine Risikobereitschaft, die nur sagt «die Familie ist konservativ», hilft niemandem. Wirksam wird sie, wenn sie messbar ist. Mögliche Beispiele: Das Nettovermögen soll in einem schweren Stressszenario um nicht mehr als einen festgelegten Prozentsatz fallen; die Liquidität soll den Bedarf von zwölf Monaten im Stressfall decken; kein einzelner Vermögenswert ausser dem Familienunternehmen soll mehr als einen festgelegten Anteil des Vermögens ausmachen; Lombardkredite sollen eine Obergrenze im Verhältnis zum belehnbaren Depotwert nicht überschreiten; operative Risiken wie Zahlungsbetrug werden mit allen verhältnismässigen Kontrollen vermindert.

Solche Aussagen lassen sich überwachen und berichten. Sie sollten vom Familienrat verabschiedet und mindestens jährlich überprüft werden, weil sich Lebenssituation, Generationen und Ziele verändern. Wichtig ist auch, was die Familie bewusst trägt – etwa das Klumpenrisiko im eigenen Unternehmen –, damit es nicht als Versäumnis, sondern als Entscheidung dokumentiert ist.

Umsetzung in FLIORE

FLIORE liefert Daten für die wichtigsten Risiken: konsolidiertes Vermögen mit Durchschau und Klumpen, Liquidität und Zusagen, Risikobeurteilung der Mandate, Fristen und Kontrollen im Compliance-Kalender, Rechte und Prüfprotokoll. Massnahmen lassen sich als Aufgaben mit Verantwortlichen und Terminen führen.

Auf einen Blick

RahmenwerkeISO 31000, COSO Enterprise Risk Management
KerninstrumentRisikoregister mit Bewertung, Massnahmen, Verantwortlichen
Oft grösstes RisikoSchlüsselpersonen, Klumpen im eigenen Unternehmen, Betrug

Häufige Fragen

Wer ist im Family Office für Risikomanagement zuständig?

Die Leitung des Family Office koordiniert, die Verantwortung für die Risikobereitschaft liegt beim Familienrat bzw. den Eigentümern. Einzelne Risiken haben eigene Verantwortliche.

Wie oft wird das Risikoregister überprüft?

Vollständig mindestens jährlich, bei wesentlichen Ereignissen sofort, etwa nach einem Vorfall, einem Personalwechsel oder einer grossen Transaktion.

Was ist Risikobereitschaft?

Die bewusste Festlegung, welche Risiken die Familie in welchem Ausmass tragen will – etwa ein maximaler Verlust im Stressfall oder eine Mindestliquidität.

Wie werden Risiken bewertet?

Meist nach Wahrscheinlichkeit und Auswirkung auf einer einfachen Skala. Wichtiger als die Präzision der Zahlen ist die gemeinsame Diskussion und die Ableitung von Massnahmen.

Gehören Familienkonflikte ins Risikoregister?

Ja. Konflikte und unklare Entscheidungswege gehören zu den häufigsten Ursachen für Wertverluste in Familienvermögen. Massnahmen sind etwa Familienverfassung und Familienrat.

Hilft eine Versicherung?

Für bestimmte Risiken wie Haftung, Cyber oder Sachwerte ja. Versicherungen übertragen finanzielle Folgen, ersetzen aber keine Vorbeugung.

Wie unterscheidet sich Risikobereitschaft von Risikotoleranz?

Die Risikobereitschaft beschreibt, welche Risiken die Familie zur Erreichung ihrer Ziele eingehen will. Die Toleranz legt die konkreten Grenzen fest, deren Überschreitung eine Reaktion auslöst.

Was ist ein Beinahe-Vorfall?

Ein Ereignis, bei dem ein Schaden knapp verhindert wurde, etwa eine erkannte gefälschte Zahlungsanweisung. Beinahe-Vorfälle sind wertvolle Hinweise auf Schwachstellen und sollten wie Vorfälle ausgewertet werden.

Wie wird das Risikomanagement in den Alltag eingebunden?

Über feste Termine im Kalender, Risiken als Traktandum in Gremiensitzungen und Massnahmen als Aufgaben mit Verantwortlichen. So bleibt es kein jährliches Dokument, sondern Teil der Führung.

Wie umfangreich muss ein Risikoregister sein?

Für ein Family Office genügen oft 15 bis 30 klar beschriebene Risiken. Wichtiger als Vollständigkeit bis ins Detail sind verständliche Beschreibungen, realistische Bewertungen und Massnahmen mit Verantwortlichen und Terminen.

Quellen

Diese Seite bietet Orientierung und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Massgebend sind die zitierten Rechtsquellen in ihrer jeweils geltenden Fassung.

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