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Leitfaden Vermögen

Stresstest für das Familienvermögen

Stand: · Leutrim Miftaraj, FLIORE · Redaktionsgrundsätze

Kurzantwort

Ein Stresstest zeigt, was mit dem Familienvermögen und der Liquidität passiert, wenn mehrere ungünstige Entwicklungen zusammentreffen – etwa ein Aktieneinbruch, steigende Zinsen, ausbleibende Ausschüttungen bei laufenden Kapitalabrufen und eine grosse Steuerforderung. Er rechnet die Schocks durch alle Strukturen, prüft die Liquiditätsreichweite und legt vorab fest, welche Massnahmen bei welchen Schwellen greifen.

Wozu ein Stresstest dient

Durchschnittswerte und Volatilitäten beschreiben normale Zeiten. Familien geraten aber in ungewöhnlichen Zeiten in Schwierigkeiten: wenn Kurse fallen, Banken Lombardkredite kürzen, Fonds Kapital abrufen und gleichzeitig eine Erbschaftsteuer fällig wird. Ein Stresstest macht diese Kombinationen sichtbar, bevor sie eintreten, und beantwortet zwei Fragen: Wie stark sinkt das Nettovermögen, und reicht die Liquidität, ohne zur Unzeit verkaufen zu müssen?

Typische Szenarien

  • Marktkrise: Aktien deutlich tiefer, Kreditaufschläge höher, Privatmarktbewertungen verzögert tiefer.
  • Zinsanstieg: Anleihen und Immobilien unter Druck, höhere Kosten für variable Hypotheken.
  • Währungsschock: starke Aufwertung der Reporting-Währung gegenüber den Anlagewährungen.
  • Liquiditätsschock: Kapitalabrufe laufen weiter, Ausschüttungen bleiben aus, Lombardlimiten werden gesenkt.
  • Klumpenereignis: Einbruch beim Familienunternehmen oder bei einer grossen Einzelposition.
  • Familienereignis: Erbfall mit Steuerfolgen, Scheidung, Auszahlung eines Familienstamms.

Vorgehen

  1. Szenarien mit konkreten Schocks je Vermögensklasse und Währung festlegen.
  2. Schocks durch alle Strukturen auf die einzelnen Positionen anwenden (Durchschau).
  3. Wirkung auf Nettovermögen, Verschuldung und Allokation berechnen.
  4. Liquiditätsbedarf im Szenario ermitteln: Abrufe, Steuern, Lebenshaltung, Zinsen, Margennachschüsse.
  5. Reichweite der verfügbaren Liquidität bestimmen und Engpässe benennen.
  6. Auslöser und Massnahmen vorab festlegen, etwa Limiten für Lombardkredite oder Verkaufsreihenfolgen.

Praxisbeispiel: Rechenbeispiel (vereinfacht)

Ein Familienvermögen umfasst 40 Millionen Aktien, 20 Millionen Anleihen, 15 Millionen Privatmarktanlagen mit 10 Millionen offenen Zusagen, 20 Millionen Immobilien mit 8 Millionen Hypotheken und 5 Millionen Liquidität – zusammen 100 Millionen Aktiven und 92 Millionen Nettovermögen. Im Krisenszenario fallen Aktien um 30 Prozent, Anleihen um 5 Prozent, Privatmarktanlagen um 20 Prozent und Immobilien um 10 Prozent. Die Aktiven sinken um 18 Millionen auf 82 Millionen, das Nettovermögen auf 74 Millionen – ein Rückgang um knapp 20 Prozent.

Wichtiger ist die Liquidität: In den nächsten zwölf Monaten werden 4 Millionen Kapital abgerufen, Ausschüttungen bleiben aus, Lebenshaltung und Steuern kosten 3 Millionen. Einem Bedarf von 7 Millionen stehen 5 Millionen Liquidität gegenüber. Ohne Gegenmassnahme müssten 2 Millionen Anleihen im fallenden Markt verkauft werden. Die Familie beschliesst deshalb, die Liquiditätsreserve auf den Bedarf von zwölf Monaten im Stressfall anzuheben.

Der umgekehrte Stresstest

Statt zu fragen, was ein Szenario anrichtet, fragt der umgekehrte Stresstest: Welche Entwicklung würde die Ziele der Familie gefährden – etwa den Erhalt der Kaufkraft, die Finanzierung der Lebenshaltung oder die Fortführung des Unternehmens? Er deckt Abhängigkeiten auf, die in Standardszenarien fehlen, zum Beispiel wenn das Familienunternehmen gleichzeitig Einkommensquelle, grösster Vermögenswert und Sicherheit für Kredite ist.

Rhythmus und Governance

Ein Stresstest gehört mindestens jährlich in den Investmentausschuss oder Familienrat und zusätzlich vor grossen Entscheidungen wie neuen Fondszusagen, Immobilienkäufen oder Ausschüttungen an Familienstämme. Die Ergebnisse sollten in Limiten münden, die im Investment Policy Statement stehen, etwa eine Mindestliquidität oder eine Obergrenze für Lombardkredite im Verhältnis zum Depotwert.

Häufige Fehler beim Stresstest

Viele Stresstests unterschätzen die Lage, weil sie einzelne Effekte isoliert betrachten. Diese Fehler sind besonders verbreitet:

  • Nur ein Schock: Krisen kombinieren meist mehrere Entwicklungen, etwa fallende Kurse, steigende Kreditaufschläge und ausbleibende Ausschüttungen.
  • Privatmarktanlagen zum letzten Bericht: Ihre Werte reagieren verzögert, im Stressfall aber trotzdem.
  • Verbindlichkeiten vergessen: Lombardkredite, Hypotheken, Bürgschaften und offene Zusagen verändern das Ergebnis oft stärker als die Kursverluste.
  • Steuern ausblenden: Verkäufe in der Krise können Steuern auslösen, und geplante Steuerzahlungen fallen trotz Krise an.
  • Familienereignisse ignorieren: Ein Erbfall oder eine Auszahlung an einen Familienstamm kann mit einer Marktkrise zusammenfallen.
  • Keine Konsequenzen: Ein Stresstest ohne Limiten und Massnahmen bleibt eine Rechenübung.

Umsetzung in FLIORE

FLIORE liefert die Datengrundlage: konsolidierte Positionen mit Durchschau, Währungen, Verbindlichkeiten, offene Zusagen und Kapitalabrufe. Der kostenlose Liquiditätsplaner zeigt die Reichweite der Liquidität bei erwarteten Abflüssen; Szenarien lassen sich auf dieser Basis nachvollziehbar rechnen.

Auf einen Blick

Zwei KernfragenWie stark sinkt das Nettovermögen, reicht die Liquidität?
MethodeSchocks je Vermögensklasse, angewendet mit Durchschau
ErgänzungUmgekehrter Stresstest ab den Zielen der Familie

Häufige Fragen

Wie stark sollten die Schocks sein?

Stark genug, um unangenehm zu sein, aber plausibel. Viele orientieren sich an historischen Krisen; wichtig ist, mehrere Schocks gleichzeitig anzunehmen, weil sie in der Realität zusammen auftreten.

Wie oft ist ein Stresstest nötig?

Mindestens jährlich und vor grossen Entscheidungen wie neuen Fondszusagen, Immobilienkäufen oder grösseren Ausschüttungen.

Warum fallen Privatmarktbewertungen verzögert?

Weil Fonds ihre Werte meist quartalsweise mit Verzögerung melden. Im Stresstest sollte deshalb auch für Privatmarktanlagen ein Abschlag angenommen werden, obwohl der Bericht ihn noch nicht zeigt.

Wie werden Lombardkredite berücksichtigt?

Mit der Belehnung nach dem Schock. Sinkt der Depotwert, können Banken Nachschüsse verlangen oder Positionen verkaufen – das gehört in den Liquiditätsbedarf.

Wer sollte die Ergebnisse sehen?

Investmentausschuss und Familienrat. Die Ergebnisse sollten in konkrete Limiten und Massnahmen münden, nicht nur zur Kenntnis genommen werden.

Ersetzt der Stresstest eine Risikobewertung durch den Vermögensverwalter?

Nein. Er ergänzt sie um die Sicht über das ganze Familienvermögen, inklusive Unternehmen, Immobilien, Verbindlichkeiten und familiärer Ereignisse.

Wie wird ein Familienunternehmen im Stresstest behandelt?

Mit einem eigenen Szenario: geringere Ausschüttungen, tiefere Bewertung und gegebenenfalls Kapitalbedarf des Unternehmens. Gerade wenn das Unternehmen Einkommensquelle und Sicherheit für Kredite zugleich ist, deckt dieses Szenario oft die entscheidende Verwundbarkeit auf.

Braucht es spezielle Software?

Nicht zwingend. Entscheidend sind vollständige, konsolidierte Daten mit Durchschau, Verbindlichkeiten und Zusagen. Die Szenarien selbst lassen sich auf dieser Basis nachvollziehbar rechnen und dokumentieren.

Wie wird der Stresstest dokumentiert?

Mit den angenommenen Schocks, der Datengrundlage mit Stichtag, den Ergebnissen für Nettovermögen und Liquidität sowie den beschlossenen Massnahmen. So lässt sich beim nächsten Durchlauf vergleichen, ob sich die Verwundbarkeit verändert hat.

Sollen auch positive Szenarien gerechnet werden?

Für die Planung kann das sinnvoll sein, etwa ein Unternehmensverkauf mit hohem Liquiditätszufluss. Der Stresstest selbst konzentriert sich aber auf ungünstige Entwicklungen, weil sie über die Handlungsfähigkeit der Familie entscheiden.

Quellen

Diese Seite bietet Orientierung und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Massgebend sind die zitierten Rechtsquellen in ihrer jeweils geltenden Fassung.

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